Über mich

 

Marita Tobner ist eine Ulmer Künstlerin. Ihre Mixed-Media-Bilder befinden sich in nationalen und internationalen Sammlungen, Kunstpreise erhielt sie in Ulm, Leipzig und Kitzbühl.

Marita Tobner ist in ihrem großen Atelier am Kuhberg äußerst produktiv und hat eine sehr persönliche, gestalterische Vorgehensweise entwickelt. 

 

Wie sieht diese Vorgehensweise aus?

 

Am Anfang steht das Wort, also: Der Titel des Bildes. Er benennt ein Lebensthema, zu dem Marita Tobner arbeiten will. Erst danach beginnt die Arbeit auf der Leinwand. Die Bilder entstehen anfangs meist als gegenstandslose Gemälde mit Acryl- und Ölfarben. In die ungegenständlichen, farbig expressiven Bildteile fügen sich schnell Collagelemente ein, Zeitungsschnipsel, eigener Stempeldruck, Schnittmuster, textiles Material, Tapeten, Landkarten usw. Dadurch entstehen auch immer wieder grafische Strukturen, die von der Künstlerin durch eigene Strukturelemente ergänzt werden. Sie bilden eine Art Gegenspieler zur reinen Farbkomposition, auf die zu verzichten der Künstlerin unvorstellbar ist. 

 

 

Diese Mischung aus abstrakt-expressionistischer Malerei und Collagetechnik ergänzt Marita Tobner durch sehr direkte und gegenständliche, großformatige Hochdrucke. Manchmal stammen sie von der Holzplatte, aber meist zieht sie die Technik des Linoldrucks vor, die ihr auch z. B. feinere Haardarstellungen erlaubt.

 

Jede dieser Arbeitsphasen ist durch eher vorsichtiges, tastendes Weiterarbeiten und Weitersuchen geprägt, läuft also nicht innerhalb eines Masterplans ab. Marita Tobner erfährt in diesem Prozess immer wieder Rückkopplungen und nähert sich langsam, notfalls auch auf Umwegen der endgültigen Gestaltung an.

 

Farbe und Form sind durch den Titel von Anfang an Bedeutungsträger. 

Dabei ist für Marita Tobner ihr Erleben, ihr Wahrnehmen der Welt in all ihren, auch medialen, Facetten die zentrale Inspirationsquelle. 

Die Lebenswirklichkeit der einen Hälfte der Menschheit, der Frauen, spielt in ihrer Arbeit immer wieder eine wichtige Rolle, sie bezeichnet das als ihr „übergeordnetes Thema“.

 

Politisch sozialisiert in den 80er Jahren war sie in der Frauenbewegung und fühlt sich ihr auch heute noch eng verbunden. In ihren Bildern geht es sehr oft um Frauen in schwierigen Lebenssituationen, egal ob kurzfristig (Trennung) oder auch länger dauernd (Obdachlosigkeit, prekäre Lebensverhältnisse).

 

Wie bitte? Fragen Sie sich vielleicht, wenn sie sich umschauen.

Denn was Ihnen zunächst und vordringlich ins Auge springt, ist der kräftige, lebensfrohe Einsatz von unmittelbarer Farbigkeit, die zusammen mit den Motivteilen, aus denen die Bilder zusammengesetzt sind, eher eine lebenslustige, freudige Sicht auf die Wirklichkeit darstellen. Das ist Marita Tobner, wie wir sie auch als Person kennen: Eine Frau, die bestimmt auftreten kann, aber meist lächelt und auf ihre zurückhaltende Art doch immer ihren Mitmenschen zugewandt ist und mit ihrer positiven Ausstrahlung die Umgebung beeinflusst.

 

Gewissermaßen sind das die beiden Pole, denen Sie auf den Bildern nachspüren können. Die Farben- und Formenpracht ist offensichtlich und schwer zu verkennen. Etwas mühsamer ist es für die Betrachter*innen, den trüberen Inhalten der Lebenskrisen nachzugehen. Eine wichtige Hilfe dabei bieten die Bildtitel, sie sind der Malerin wichtig und sie geben Hinweise auf die weiteren, tieferen Bedeutungsschichten der Bilder. Sie werden sich bei der Suche also doch etwas tiefer in die Bilder hineinbegeben müssen und neben und hinter der fröhlichen, bunten Farbigkeit Verweise auf weniger lustige Realitäten finden.

 

Allerdings arbeitet die Künstlerin nicht mit direkt aufklärerischem Gestus, nicht politisch-agitatorisch, sondern verlässt sich auf die Mehrdeutigkeit ihres Materials, das sozusagen nur Hinweise, keine Erklärungen oder direkte Botschaften geben kann. Entsprechend viel wird den Betrachterinnen und Betrachtern da abverlangt. Sie müssen schon mal einen Kopfstand machen, um gestempelte Schriftelemente entschlüsseln zu können. Oder ganz nah ans Bild gehen, um Gedrucktes wie z. B. den Text von Zeitungsfragmenten zu erkennen.

 

Das entspricht unserer Wahrnehmung der Realität, die sich aus den unmittelbaren Sinneswahrnehmungen und gleichzeitig aus medial und massenmedial vermittelten Versatzstücken ergibt, gemischt aus unseren Erfahrungen und Erinnerungen als Individuum, aber auch als Gattungswesen. 

So funktionieren auch die Bilder Marita Tobners. Die erzählen nicht nur, sondern sie erinnern. Nicht nur an eigene Erfahrungen, sondern auch an Vermitteltes, medial Vermitteltes, aber auch menschheitsgeschichtlich Vermitteltes und Gespeichertes.

 

Wir identifizieren beispielsweise die dargestellte Frau als Frida Kahlo und wir wissen etwas über die schrecklichen Lebenserfahrungen der Kahlo, wir wissen, dass sie trotzdem auch glücklich und lebensfroh sein konnte und diese Lebensfreude spricht ja auch aus vielen Fotos, die die mexikanische Malerin fast schon als Ikone zeigen. Trotzdem: Ihre Biographie zeugt vom Wechsel aus Errungenschaften und Rückschritt, und das ist oft der Stoff, aus dem Tobners Bilder sind.

 

Die Arbeit „Alles Neuland“ thematisiert ein Frauenleben, eine Frauensituation als Archetypus, als Bestandteil des kollektiven Unbewussten. Ist die Verwendung einer Landkarte oberflächliches Spiel mit dem Bildtitel oder Verweis auf tiefergreifende Inhalte? Wir können das so oder so lesen. Beides ist Marita Tobner recht, und sie freut sich, wenn sich so den Betrachtenden assoziierte Welten öffnen.

 

Auch im Bild „Nora“ ist es eine Frau in schwieriger Lebenssituation, die auf der Leinwand als vager Bedeutungsraum vorkommt, den die Künstlerin so sehr schätzt. Hier ist es die Starre und Eingeschlossenheit, aus der sich die Titelfrau aus Hendrik Ibsens Drama „Nora – ein Puppenheim“ befreien will. Ihr Mann dagegen betrachtet sie, den zeitgenössischen gesellschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend, als seinen sehr geschätzten Besitz ohne Eigenleben.

 

Was ist denn verloren auf dem Bild „All Lost“? Erst bei genauerem Hinschauen können wir uns vorstellen, dass mit Obdachlosigkeit auch so etwas wie ein Identitätsverlust stattfinden kann, siehe auch das Werk, das der Ausstellung ihren Titel gegeben hat: „Jeder Tag eine Tretmine“. Die Protagonistin verliert ihre Stellung und Rolle in der akzeptierten Welt, wird zum Bestandteil einer Art Parallelwelt, die nicht wahrgenommen werden soll, aus der anerkannten Gesellschaft weggedrückt wird. Kommunikation zwischen diesen Welten ist nicht mehr möglich.

 

Oder schauen Sie sich die Arbeit „A Little Taste of Understanding“ an. Was hat der Wirecardskandal mit Trennungssituationen zu tun?

 

Wer Niederländisch kann, wird den Bildtitel „Missie“ als Auftrag oder Mission verstehen, gemeint ist er so nicht, darf aber gern so sein.  Das Bild selbst verweist aber auch auf die Geschlechterverhältnisse in der nordamerikanischen Sklaverei.

 

Marita Tobner wird unserer zerteilten, zersplitterten, uneinheitlichen Sicht auf die Welt gerecht, in dem sie ihre Bilder aus vielen Schichten, aus disparaten Materialsplittern zusammenbaut. Ist das ein Spiel? Ist das wie Jonglieren? Oder eher wie Puzzeln? Oder wie Ingenieurskunst? Am ehesten vielleicht alles zusammen: Marita Tobner als eine kosmogonische Ingenieurs-Göttin, die verspielt Neues schafft, spontan und auf die Kraft ihrer Intuition bauend.

 

Am Ende entstehen da Bilder, die trotz ihrer unterschiedlichen formalen, inhaltlichen und Materialeben als Einheit, als ganzheitlich wirken und so auch für die Sehnsucht nach einer ganzheitlichen Weltsicht stehen. Und alle Bilder zusammen zeigen uns eine schlüssige, starke Tobner-Welt. (Galerist Reinhard Köhler, Galerie Kunstpool Ulm)

 

 

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© Malerei Marita Tobner